Der 4Players Kommentar: Auf der Suche nach Heldinnen - und warum Anita Sarkeesian nie meine sein wird

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hundertprozent subjektiv

KW 36
Dienstag, 02.09.2014

Auf der Suche nach Heldinnen - und warum Anita Sarkeesian nie meine sein wird


Ich habe schon immer gezockt. Als Kleinkind hämmerte ich Mario auf dem NES durch die Röhren, in der Grundschule durfte mich die Playstation mit Jump-and-Runs verzaubern, in der Pubertät regte ich mich an Ego-Shootern ab. Nur eins fehlte lange Zeit – Mitschüler, die wussten, wovon ich sprach, wenn ich Videospiele als mein Hobby in Freundebücher eintrug. Als die ersten Bartstoppel meiner Mitschüler 2000 anfingen zu sprießen, waren „Ballerspiele“ unheimlich cool: Counterstrike: For The Win! Dass ich schon vor Jahren Wolfenstein und Doom gespielt hatte, wollte keiner hören. Mädchen spielen doch keine Videospiele und bei LAN-Parties haben sie schon gar nichts zu suchen.

Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2014, laut ESA-Studie sind knapp 50% aller Spieler Frauen. Auch ich spiele immer noch fleißig. Mittlerweile habe ich zwar viele Mitspieler, dafür aber  ganz andere Probleme. Mit den Jahren an erworbener Zocker-XP fiel mir immer mehr auf, dass kaum ein Spiel eine Frau zur Protagonistin macht.

Die Abenteuer von Tidus aus Final Fantasy 10 oder Ethan Mars aus Heavy Rain wären mir vielleicht emotional noch näher gegangen, hätten die Helden mein Geschlecht gehabt. Damit kann ich aber noch ganz gut leben. Viel schlimmer ist die Art und Weise wie Frauen in Spielen dargestellt werden: Riesenbrüste, perfekter Körper, immer tough, immer lasziv und knapp bekleidet. Diese armen Männer, denke ich mir, wird das nicht irgendwann zu anstrengend? Mir ist es das jedenfalls – denn ich entspreche wie viele andere Frauen auch, nicht dieser Vorstellung: Ich will nicht immer lasziv und halbnackt sein und meinen Körper finde ich gut so wie er ist. Immer öfter ertappe ich mich dabei, wie ich kritisch die digitalen Femme Fatales mustere, die stets in ein Schema passen: Bayonetta: tough und sexy, Tomb Raider: tough und sexy, so ziemlich jeder weibliche Charakter in Kampfspielen: tough und sexy, so ziemlich jeder weibliche Charakter in Rollenspielen: tough und sexy. Auch Männer sind oft zumindest tough – eher selten sexy – aber vor allem spielbar.

Ja es gibt sie – die Jades aus Beyond Good& Evil, die Faiths aus Mirror’s Edge, die Jodie Holmes‘ aus Beyond: Two Souls.  Aber es gibt vor allem die gesichtslosen Sexbomben, die nichts anderes sind als Fanservice – männlicher Art – die nur da sind, um schön auszusehen, die fast nie spielbar sind und jeder spielenden Frau die Frage stellen: Sollen so also Frauen sein?

Auch Männer müssen sich dieser Frage stellen, meint man, sind doch fast alle Videospiel-Helden perfekt gebaute Haudegen, die vor nichts Angst haben. Ich persönlich glaube, dass Männer da einfach anders funktionieren und nicht so sehr zum Vergleichen und Beneiden neigen wie Frauen. Die meisten Frauen sind immer noch so sozialisiert, dass sie viel Acht auf ihr Aussehen geben und gefallen wollen. Das Problem ist nur, dass im Sinne der Entwickler von Videospiel-Frauen dies nur erreicht werden kann, indem man vor allem seinen Körper sprechen lässt - und das wollen wohl eher wenige Frauen. Ich sitze also da, umgeben von Werbung, Filmen und Videospielen, die mir alle zeigen wie eine perfekte Frau auszusehen hat und es setzt mich unter Druck.
Nach all diesen Fragen und all den Diskussionen, die ich mit Partnern über Zimmer-Poster von Dead Or Alive Xtreme Beach Volleyball oder dem God of War 3 „Aphrodite-Sidequest“ hatte, den „man unbedingt machen muss, sonst sei man nicht stark genug“, trat eine Frau in Erscheinung, die die Darstellung und Rolle von Frauen im Videospiel, in einer mit 150.000 Dollar gesponserten Video-Reihe thematisieren wollte: Anita Sarkeesian.

Man würde meinen, ich sei mittlerweile der glücklichste Mensch auf Erden – eine Frau, die zockt, die meine Probleme teilt und sie wie der Messias an die Youtube-Jünger weiterträgt. Doch ich wurde enttäuscht, sogar schwer enttäuscht.
In ihren Videos reiht Sarkeesian Videospiel-Schnipsel aneinander, enthebt sie ihres Kontextes und stellt anhand dessen dar, wieso Frauen so schlecht in Videospielen wegkommen. Sie zeigt wie viele klassische „Frauen in Nöten“ es in Videospielen gibt, dass im Mittelalter und in zwielichtigen Milieus viele Prostituierte schlecht behandelt wurden und dass auf dem Schlachtfeld nur Männer gegen muskelbepackte Giganten kämpfen. Wirklich Anita? Wird irgendwem dadurch klar, wieso die Spielerin zu Hause Probleme mit dem Tough-und-sexy-Schema hat, wenn du Dinge zeigst, die nun mal so in der Geschichte passiert sind? Und was ist mit den männlichen Gegenstücken? Ja, Grand Theft Auto 5 hat unendlich viele dumme, nackte Frauen, aber zum Glück auch viele dumme, klischeehafte Männer. In Saints Row kann man den spielbaren (!) weiblichen  Charakteren Riesenbrüste verpassen, aber im Gegenzug dazu auch den sogenannten „Sexappeal“, die Penislänge der Männer einstellen. Entwickler Volition gibt Sarkeesian sogar recht, dass der Weg, wie Frauen im Medium dargestellt werden, verbessert werden könnte.

Unterdrückung von Frauen darstellen zu wollen, indem man die männliche Gegenseite einfach weglässt, funktioniert nicht. Meiner Meinung nach muss man Videospiel-Szenen immer im Gesamtkontext sehen und das Spiel vielleicht sogar gespielt haben! Sarkeesian ist leider keine Spielerin, wie sie selbst in ihrem Seminar zugab, und kann deshalb gar nicht darstellen, wieso das Frauenbild in Videospielen sie stört.

Ich bin deshalb so enttäuscht von ihr, weil sie dieses Thema ohne jegliches Fingerspitzengefühl malträtiert, während ihr gefühlt die ganze Welt dabei zusieht. Wenn Feminismus vorher unbeliebt war, wird man dank Sarkeesian so damit übersättigt, dass es nur noch unendlich nervt.  Etliche Hass-Kommentare, bis hin zu Sarkeesians Vertreibung aus ihrem eigenen Haus geraten so in den Fokus, dass sich niemand mehr für das eigentliche Thema interessiert. Und wieder sitze ich vorm Bildschirm und starre auf Lara Croft’s extrem enge Wander-Hosen und ihren Hintern, den sie mir minutenlang in Nahaufnahme entgegenstreckt.

Aber wie soll denn nun eine mich zufriedenstellende Videospiel-Heldin aussehen? Die Lösung ist eigentlich leicht. Genau das was ich an guten Videospiel-Helden schätze, würde ich auch gern bei Heldinnen sehen: spielbar, interessante Lebensgeschichte, Emotionen, die ich miterleben oder sogar beeinflussen darf. Es fällt auf, dass das Aussehen dabei erstmal keine Rolle spielt. Natürlich sieht Geralt aus The Witcher cool aus in seinem Ledergewand und der riesigen Narbe in seinem Gesicht; und auch Joel aus The Last Of Us ist ein durchaus attraktiver Mann. Einen Gedanken daran verschwendet, wie wohl seine Pobacken aussehen, oder was sich gar zwischen seinen Beinen verbirgt, habe ich jedoch nie. Bei Rikku aus Final Fantasy 10 muss ich mich nicht besonders anstrengen, um daran zu denken. Allzu gerne werden ihre Backen immer wieder in Nahaufnahme gezeigt, obwohl sie erst 15 ist. Videospiele geben uns oft gar nicht die Chance, die weiblichen Charaktere kennenzulernen, weil ihr Auftreten sie direkt in ein oberflächliches, sexy Schema presst, in das die meisten Frauen nicht gepresst werden wollen. Figuren wie Ellie aus The Last of Us, die nur ein Jahr jünger als Rikku ist, oder Jodie Holmes aus Beyond: Two Souls haben gezeigt, dass uns Frauen in Videospielen auch ohne üppige Kurven fesseln können und ihre Individualität das ist, was Spieler fasziniert.
Also liebe Entwickler: mehr davon!


Alice Wilczynski
Video-Redakteurin
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

Chwanzus Longus schrieb am
Was fuern Quatsch ueber Videospielfiguren nen Klagebrief zu schreiben. Dann lieber ueber Kinofilme und Werbung, da sind dann auch echte Menschen, die zureckgeschminkt und vorher Diaeten hinter bringend bei guenstigem Licht und mit Hilfe von Computern perfekt werden. Stoert das nicht? Deshalb spiele ich doch Spiele, damit ich keine beschissenen Vorspiele und Ausgehabende hinter mich bringen muss, um mit ner Frau nem Schatz hinterherzujagen, irgendwo in Suedamerika. Mal das machen kann, was ich sonst nicht kann. Wer Spiel und Realitaet nicht auseinanderhalten kann, der tut mir leid. Mir ist doch scheissegal, ob Chris Redfield dicke Arme hat, wenn ich die moechte, geh ich trainieren und wenn ich nen schlanken Bauch moechte, dann fress ich mich nicht auf ner Couch voll, sondern beweg mich. Ich bin ich, darauf kommts an. Dann macht Videospiele von Frauen fuer Frauen, Maenner scheinen das so gut zu finden. Mich stoerts nicht, und ich hab auch noch nie nen Mann deshalb aufschreien hoeren.
xH0RUSx schrieb am
Liegt das Problem nicht eher bei der japanischen Spieleindustrie? Das genannte Beispiel mit der Kamerafixierung auf das Gesäß einer 15jährigen oder die Brüstephysik in Dead or Alive sind sicherlich keine faire Darstellung einer Frau und hier von Sexobjekten zu sprechen ist durchaus angebracht.
Ich verstehe aber nicht, warum Lara Croft noch als Beispiel genannt wird. Im neusten Ableger wird sie doch in keinsterweise auf ihre weiblichen Atrribute reduziert, die Klammotten sind voller Blut und Dreck und kaum körperbetont. Und ganz ehrlich, tough und sexy verkauft sich einfach besser als ängstlich und hässlich und da die Käufer dieser "richtigen" Spiele sicherlich nicht zu 50% Frauen sind (sonst würde man eine andere Vermarktungsstrategie wählen oder aber, die meisten Frauen kümmert es nicht), ist es nachvollziehbar, dass zu Werbezwecken auch sexuelle Reize genutzt werden, es ist schließlich kein unatürlicher Trieb.
Ansonsten sehe ich aber nicht, wieso es in Videospielen mehr Gewalt gegen Frauen geben soll. Die meisten Gegnerhorden durch die man sich schnetzelt, ballert und prügelt sind doch Männer. Objekte, mit denen man nicht interagieren kann und die nur dafür erstellt wurden, um vom Spieler umgebracht zu werden. Wenn man von Gleichberechtigung spricht, sollte es also viel mehr Gewalt gegen Frauen in Videospielen geben (Bitte zitiert diesen Satz nicht ohne Kontext). Allerdings habe ich noch nie gehört, dass sich Männer beklagen, dass sie häufig als charakterlose Tötungsobjekte dargestellt werden, oder das die gezeigten Helden zu mutig und muskulös sind. Letztlich spielen wir Videospiele ja auch nicht, um in die reale Welt einzutauchen, sondern um uns aus dieser zu flüchten.
Wigggenz schrieb am
dotted_1 hat geschrieben:Sehr schade, dass Anitas Beiträge nicht als die (halbwegs) wissenschaftliche und anschauliche Arbeit verstanden werden, die sie sind: reine Analysen, aufgearbeitet, damit auch noch Fachfremde folgen können. I

:lol: :lol:
Scipione schrieb am
wodurch es unerlässlich wird auf die Vielzahl der Beispiele einzugehen

aus dem Kontext gerissene Szenen zu zeigen und dazu Lügen zu der Spielmechanik, dem Spielhintergrund, dem Spielziel, und wie das Spiel entsprechende Aktionen bewertet, zu erzählen, sind keine Beispiele.
Das ist entweder ein Witz oder Propaganda und Hetze
Darüber hinaus ist die bloße Darstellung eines Sachverhaltes, nur weil er sich so geschichtlich zugetragen hat kein Argument dafür ihn so zu zeigen.

Doch. WTF!?
Um dieses Argument völlig ad absurdum zu führen liegt es nahe es auf Vergewaltigungen von Frauen zu beziehen, die täglich(!) stattfinden, wieso diese dann auch nicht täglich im Fernsehn, in Büchern und Film zeigen? In Videospielen sind sie ja schon deutlicher vertreten.

hört, hört.... in Videospielen gibts mehr Vergewaltgungen als in Büchern und Filmen :Quetsch:
mole85 schrieb am
dotted_1 hat geschrieben:
mole85 hat geschrieben:Mit dem von mir zitierten Text ordnest du dich aus meiner Sicht in letztere Gruppe ein, was deine Meinung in der Diskussion, zumindest in dieser Umgebung, deutlich abwertet

Wenn die Argumente der Gegenseite abgewertet werden, weil sie aus der Opposition stammen, dann spielen wir hier recht schnell Bundestag.

Ganz einfacher Vorgang: Du bist der Meinung dass Vergewaltigungen verglichen mit TV, Film und Literatur
dotted_1 hat geschrieben:In Videospielen [...] ja schon deutlicher vertreten
sind. Selbst wenn man die von Anita gegebenen Beispiele so hinnimmt, behaupte ich immer noch dass in den "alten" Medien die Thematik weiter verbreitet ist.
Kleine Auswahl? Bitte sehr:
Spoiler: anzeigen
TV: Wie gesagt, gefühlt jede 2. x-beliebige Krimiserie (teilweise auch schon im Vorabendprogramm), Game of Thrones
Literatur: Ken Follet - Die Säulen der Erde, Lilly Lindner -...
schrieb am

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