Der 4Players Kommentar: Der ganz normale Widerspruch

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Kommentar

hundertprozent subjektiv

KW 47
Donnerstag, 20.11.2014

Der ganz normale Widerspruch


"Wieso hat Hü aus dem Jahr 2008 eine höhere Wertung als das aktuelle Hott? Dann müsste es ja das bessere Spiel sein - lächerlich! Warum wird das nicht mal abgewertet? Und überhaupt: Euer Archiv ist voller Ungereimtheiten, da fehlt jegliche Konsequenz! Ihr messt mit zweierlei Maß, ihr berechnet falsch, ihr testet komisch. So blickt man doch als Käufer gar nicht mehr durch. Wo ist denn da die einheitliche Redaktionslinie?"

So ähnlich liest es sich, wenn manche allein die Zahlen am Ende von Spieletests vergleichen, vielleicht noch über Zeiten oder Autoren hinweg. Und ja: Unser fünfzehn Jahre altes Archiv ist – natürlich - voller Widersprüche. Es gibt zwar auch nachvollziehbare Entwicklungen, aber daneben viele dieser komischen Zahlen, die bei strenger Prüfung mit dem Wertungslineal irgendwie schief aussehen. Wie kam bei Hü diese irre 91 zustande, wo Hott doch nur die 83 trägt und besser sein soll? Was für ein Wirrwarr!

Das liegt daran, dass eine Kritik immer ein sensibles Kind seiner Zeit ist. Sie entsteht in einem Kontext, in den nicht nur offizielle Versprechungen des Herstellers, die aktuelle Technik sowie all die Eindrücke einfließen, die ein Tester von der Ankündigung bis zur Veröffentlichung aufnimmt. Hinzu kommen die Impulse, die andere Abenteuer und direkt vergleichbare Spiele in den letzten Wochen und Monaten hinterlassen haben. Dazu gehören auch wechselnde Mentalitäten: Tester entwickeln sich (hoffentlich), was Ansprüche und Vorlieben betrifft. Ich habe mal eine Gänsehaut im Kino bei Braveheart bekommen – zwanzig Jahre später kann ich Mel Gibson kaum noch sehen.

Bereue ich manche Wertungen? Oh ja – nicht wenige! Im Nachhinein würde ich Shadow of the Colossus gerne monumentale 95% und Gothic 3 die konsequenten 35% geben. Ich würde die meisten Versionen von PES und FIFA vielleicht um jeweils zehn bis dreißig Prozent anpassen, weil ich erst jetzt die wesentlichen Brüche erkenne. Und ihr werdet sicher noch zig andere Empfehlungen für all die "Wertungsverfehlungen" parat haben. Nach aktuellen Tests füllen sich dann die Threads mit Forderungen nach Auf- oder Abwertungen, weil eine Wertung irgendwie nicht mehr zu dem zu passen scheint, was man damals lobte oder kritisierte.

Aber ein nachträgliches Korrigieren wäre Unsinn. Was hätte ich davon, wenn ich mit dem Wissen aus dem Jahr 2014 ein Spielerlebnis aus dem Jahr 2012 oder 2006 abwerten würde? Mal abgesehen davon, dass sich Journalisten hüten sollten, ihre Meinungen dem öffentlichen Druck anzupassen: Das hat letztlich auch etwas von Geschichtsfälschung – man manipuliert eine Primärquelle. In letzter Konsequenz sogar noch schlimmer: man verändert bloß eine Zahl, ohne den wichtigen Text umzuschreiben. Und zu welchem Zweck? Nur um im Nachhinein für künstliche Plausibilität zu sorgen? Für so etwas wie Wertungshygiene? Dabei könnte man die Widersprüche einfach als normale Entwicklungen akzeptieren.

Im idealen Fall gelingt einem (außerirdischen) Tester vielleicht eine stets nachvollziehbare, vollkommen logische und relativ chronologische Einschätzung plus Wertungsentwicklung, mit der er noch nach zehn Jahren genauso zufrieden ist wie all seine Leser – da passt einfach jedes Prozent wie angegossen. Da bereut man keinen einzigen Test, da gibt es eine ganz saubere Gerade. Ich bin allerdings bisher keiner dritten Art begegnet, der das gelungen wäre. Selbst jenen Magazinen, die sich objektiv nennen, gelingt das nicht. Selbst jenen, die Toaster oder Autos testen, gelingt das nicht.

Denn schon der Anspruch ist naiv. Er beruht auf der dummen Prämisse der mathematischen Messbarkeit von Unterhaltung. Ja, touché: Wir wissen selbst, wie blöd diese Zahl aus kultureller Perspektive am Ende ist. Und wir haben schon oft versucht zu erklären, warum wir sie aus strategischer Sicht trotzdem brauchen: weil wir ohne sie empfindlich an Relevanz und Lesern verlieren würden. Man stelle sich vor, in Fußballspielen würde plötzlich das Ergebnis wegfallen. Wer kommt noch ins Stadion, weil da „schön gespielt“ bzw. „gut argumentiert“ wird? Die Leute wollen Tore, Sieger und Verlierer.

Aber wir sind uns der Austauschbarkeit von Nullen und Einsen am Ende so bewusst, dass wir ja die Option anbieten, die Wertung abzustellen – was nicht mal fünf Prozent nutzen. Wenn man Kritik wirklich ernst nimmt, dann kann es  natürlich keine absolute Berechnung und damit auch keine einheitliche Linie geben. Und zwar weder innerhalb eines Magazins noch innerhalb der Vita eines Kritikers.

Wir werten auch deshalb nicht auf oder ab, weil es letztlich gar keine Wahrheit gibt. Wer im Rahmen von Spieletests von „Abweichungen“ spricht, glaubt tatsächlich an eine Norm. Wer stellt die denn auf? Es gibt nicht diese einzig gültige, vollkommen klare und unbestreitbare Wertung für ein Spiel. Die wird einem nur vom größten Feind guter Kritik vorgegaukelt: dem Schnitt. Und die wird von seinem besten Kumpel untermauert: dem Gleichschritt. Der entsteht schon, wenn man drei abweichende Meinungen aus einer Redaktion auf eine zurechtharmonisiert, damit sie besser ins Bild passt. Das ist wie Wasser in den Wein.

Es gibt aber immer einen Spielraum zwischen 0 und 100, zwischen ungenügend und ausgezeichnet – oder wie man das immer bemessen mag. Dazwischen ist immer nur eines, und zwar in hundert Facetten: Meinung, Meinung, Meinung. Die eine ist nie wahrer als die andere, sondern höchstens nachvollziehbarer argumentiert oder interessanter geschrieben. Deshalb darf man sich erst gar nicht von internationalen Wertungen einlullen und auch nicht immer vom eigenen Archiv beeinflussen lassen. Wie wirkt dieses Spiel hier und jetzt auf deinem Bildschirm? Nur darum darf es gehen.


Falls gerade die deutsche Spielepresse etwas braucht, dann sind es noch mehr markante Standpunkte, noch mehr kreative Abweichungen – auch innerhalb der Art und Weise, wie man an Tests herangeht.  Die Spielepresse ist nicht dann gesund, wenn alle brav in einen Singsang der „Metacritical Correctness“ einstimmen, sondern erst dann, wenn sie darauf pfeifen und sich heftig in der Einschätzung von Spielen unterscheiden. Nur wenn man den Widerspruch als wertvollen Teil der Kritik akzeptiert, gewinnt der Leser auch mehr Vielfalt.


Jörg Luibl
Chefredakteur
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

Marobod schrieb am
Adelphius hat geschrieben:"Ein Kind seiner Zeit" ist vollkommen korrekt. "Die Kritik ist ein Kind ihrer Zeit" wäre Schwachsinn, weil Kritik als Prinzip zeitlos ist, aber das "Kind" eben die Metapher einer konkreten Manifestation der Kritik, eben in einer bestimmten Zeit, darstellt.
Und nun die Posaune wieder einpacken, meine ist schon geputzt und im Koffer.
Da würde ich dir widersprechen, zumal die Metapher als rhetorisches Stilmittel nicht zur Erklärung grammatikalischer Fragen herangezogen werden kann. Die Frage ist ja: Wessen Zeit ist es? Und es ist die Zeit dieser Kritik, und nicht die Zeit dieses Kindes, das Kind meint ja eher in welchem Verhältnis die Kritik zu dieser Zeit steht: von daher ist "Die Kritik ist ein Kind ihrer Zeit" meiner Meinung nach "richtiger"
Die Kritik ist das Kind.
Also ist die Kritik ein Kind seiner Zeit.
wertungsfanatiker schrieb am
"Lauwarmes" Jahr, langweilig ?! Anlass für diese Kolumne war ein CRPG. Und gerade in diesem Genre bot 2014 sehr viel - vielleicht war nicht der Knaller dabei, aber davon gab es in diesem Jahrzehnt im Genre auch erst drei oder vier (TW 2 EE, Deus Ex: HR - DC; Fallout: NV in der Goty und vielleicht Skyrim, auffallend, die ersten drei schaffen das erst mit den erweiterten Versionen).
Aber hier mal meine Liste der ersten 15 CRPG (!) in diesem Jahr:
1. D:OS: das einzige Spiel im Genre, dem ich bislang (und ein, zwei CRPG sollen ja noch erscheinen) die 85 geben würde, grandioses Kampfsystem, gutes Charaktersystem, eine interessante Story, viel Interaktionsmöglichkeiten, sehr gutes Crafting, und gute Quests
2. D3: RoS: hasse ja eigentlich H&S, aber das scheint Blizzard nun wieder einigermaßen gut gelungen zu sein
3. DS 2: eine ordentliche Portierung, wäre der erste Teil aber auch ordentlich portiert worden, wäre es das bessere Spiel gewesen
4. Wasteland 2: fast schon überraschend gut, wenn auch an vielen Stellen mit Verbesserungsmöglichkeiten, das Kampfsystem hätte durchaus besser sein können (s. D:OS)
5. LoG II: m.E. wirklich besser als Teil 1, würde ich sicher 80 geben, die Außenwelt überzeugt
6. Risen 3: m.E. das beste Risen, da endlich wieder mehr Freiheiten da sind, leider missfällt der Anfang und einige Gothic - Stärken sind immer noch nicht wieder da
7. Da: I: das Casual - Light RPG, das leider viel zu viele Fehler macht, um um den Titel mitzuspielen, schwaches Charaktersystem, zu viele MMO - Quests, immer noch Respawn, Bugs (Zwischensequenzen, Partygespräche, Ansprache als Frau etc.), aber es scheint ja doch noch einigermaßen Spaß zu machen
8. The incredible Adventures of v. Helsing II: guter Konkurrent für Diablo in 2014
9. Transistor: völlig anderes CRPG, interessante Taktik trotz H&S - Charakter
10. Southpark: für Fans der Serie ein Muss, ansonsten durchaus interessant, aber nicht für jeden was,...
grizzer_66 schrieb am
Dr. Kuolun hat geschrieben:Miesepetrig wegen 2014?
Völlig falscher Ansatz. Lauwarme Jahre geben mir immer die Möglichkeit, die Untiefen der Computerspiele nach übersehenen Perlen zu durchtauchen und den von Kajetan so gerne beschriebenen pile of shame abzuarbeiten. Und sieh an, da ist mir dieses Jahr sogar ein brothers a tale of two sons ins Netz gegangen. Wie konnte ich das übersehen haben? Und nein, steams neue unsägliche, ich-weiß-was-du-spielen-willst- Listen haben mich nicht auf die Idee gebracht.
Dass man zum Testen nicht immer den selben Tee aufgegossen haben möchte, ist natürlich klar.
Dafür dass die Spielelandschaft dieses Jahr recht unspektakulär daherkommt, gab es grade im Kino mit Interstellar doch mal wieder ne unerwartete fesselnde Überraschung. Ist doch schön, wenn das eine Medium schwächelt, gibts ja noch ein paar mehr Bildschirme/Leinwände...
(äh ja, ich weiß wie man ein gutes Buch liest)
Ich stimme dir voll und ganz zu. Durch das schwache Jahr, hatte ich die Gelegenheit Spiele nachzuholen, die ich zum Releasezeitpunkt nicht spielen konnte. Unter anderem führt es auch dazu, dass ich absolut kein Bedürfnis habe, mir eine Next-Gen-Konsole zu kaufen. PS3 und 360 unterhalten mich noch sehr gut. Es wird Zeit, dass auf den neuen Konsolen (The Last of Us zähle ich zu Last-Gen) mal so ein Spiel wie Interstellar erscheint, eines dass einen emotional mitnimmt und packt und nach dem Ende weiterhin beschäftigt. Eines, dass man nach dem Ende nicht ein zweites Mal spielen will, weil dann der Zauber vom ersten Mal nicht mehr da ist.
Dr. Kuolun schrieb am
Miesepetrig wegen 2014?
Völlig falscher Ansatz. Lauwarme Jahre geben mir immer die Möglichkeit, die Untiefen der Computerspiele nach übersehenen Perlen zu durchtauchen und den von Kajetan so gerne beschriebenen pile of shame abzuarbeiten. Und sieh an, da ist mir dieses Jahr sogar ein brothers a tale of two sons ins Netz gegangen. Wie konnte ich das übersehen haben? Und nein, steams neue unsägliche, ich-weiß-was-du-spielen-willst- Listen haben mich nicht auf die Idee gebracht.
Dass man zum Testen nicht immer den selben Tee aufgegossen haben möchte, ist natürlich klar.
Dafür dass die Spielelandschaft dieses Jahr recht unspektakulär daherkommt, gab es grade im Kino mit Interstellar doch mal wieder ne unerwartete fesselnde Überraschung. Ist doch schön, wenn das eine Medium schwächelt, gibts ja noch ein paar mehr Bildschirme/Leinwände...
(äh ja, ich weiß wie man ein gutes Buch liest)
MrLetiso schrieb am
Nanimonai hat geschrieben: Auf Kritik eingehen, dazu zu stehen, dass man sich nur drei Tage Zeit für den Test genommen hat und bereit sein, seine eigene Meinung zu ändern ist mutig, ja. Eben weil man sich damit dem Vorwurf der Unglaubwürdigkeit aussetzt. Insbesondere, wo es doch so leicht wäre, das alles nicht zu tun und die Kritik so stehen zu lassen, wie sie ist.
Fällt dir irgend etwas zeitkritischeres ein als das Internet? Die meistgelesenen Seiten und Portale sind die mit der schnellsten und/oder exklusivsten Berichterstattung.
Ach was... sag bloß. Schockierend.
- Da sind wir einfach unterschiedlicher Meinung
- Wenn sich der Tester nicht die nötige Zeit nimmt, ist das sein Problem. Deshalb warte ich lieber die Tests von 4players ab, ganz einfach.
- Wie ich sehe, neigt sich Dein "konstruktiver" Diskussionswillen dem Ende. Viel Spaß noch.
schrieb am

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