Jörg Luibl
Feuer frei und Spaß dabei - auch im Ersten Weltkrieg?Ein Kommentar von Jörg Luibl, 13.05.2016
Da werden der D-Day und das Naziböse seit Jahrzehnten virtuell ausgeschlachtet und plötzlich soll man innehalten, weil es um den Ersten Weltkrieg geht? Mich lässt die Ankündigung von Battlefield 1  komplett kalt. Ich erwarte nichts anderes als einen weiteren Shooter, den DICE im Auftrag von Electronic Arts entwickelt. Also hübsch designte Uniformpolygone, die so arcadig um die Wette ballern, dass der Bodycount so heroisch aufwallt wie der Umhang des Helden auf dem Cover.

 Was ich auf keinen Fall erwarte: irgendeine historische Verantwortung oder gar reflektierte Herangehensweise angesichts des "ernsten" Themas. Dieses Studio hat weder die Verpflichtung dazu noch ist diese Reihe dafür geeignet. Battlefield kokettierte zwar immer wieder mit Authentizität, aber die verpufft spätstens beim zehnten Headshot. Wenn ich wissen will, was zwischen 1914 und 1918 passiert ist, schmeiß ich nicht PC, Xbox One oder PlayStation 4 an, sondern lese, was Historiker dazu sagen.

Nicht falsch verstehen: Ich fordere seit Jahren auch Antikriegsspiele, die das heroische Pathos vom Tisch fegen und aufzeigen, was so ein Konflikt für alle Beteiligten emotional bedeutet. In der Spielewelt fehlt es weiter an Reflexion und Tiefe. Deshalb finde ich es klasse, wie z.B. die 11 Bit Studios genau das in This War of Mine aus der Sicht von Zivilisten inszenieren. Es gibt ja auch in "normalen" Shootern lobenswerte dramaturgische Ansätze wie etwa in Spec-Ops: The Line; auch Metal Gear kann man erwähnen.

Aber DICE? Ich bitte euch! Selbst wenn die Schweden aus irgendeiner Politcal Correctness aka Imagekampagne aka Umsatzsicherung heraus Guido Knopps Erben mit Hintergrundmaterial für Battlefield 1 beauftragen würden; oder wenn sie irgendeine tragische Giftgasszene im Schützengraben inszenieren würden: das wäre letztlich ein heuchlerischer Fremdkörper im Rahmen dieses auf puren Spaß ausgerichteten Ballerspiels; genauso wie diese unsägliche Call-of-Duty-Flughafenszene oder die Bio-Burger-Kampagne von McDonalds.

Auch Battlefield 1 wird nichts anderes sein als Fastfood für den Hunger zwischendurch. Und damit der nicht zu schnell versiegt und der Gewinn stimmt, wird es viele mikrotransaktive Geschmacksverstärker geben. Darauf wird sich DICE konzentrieren, nicht auf Archiv-Recherche oder gar historische Sensibilität. Aber was solls? Es gibt so viele Alternativen, was Genre und Regie angeht. Ich kann auf diese Unterart des Shooters komplett verzichten und trotzdem satt werden.

Zur Freiheit der Fiktion gehört aber, dass man Kriege banalisieren und bis zum letzten Cent kommerzialisieren darf - und zwar auf jede noch so pubertäre oder oberflächliche Art. Gerade Spiele sind auch dafür da, um dem Ernst des Alltags zu entfliehen. Man wird sich doch bitteschön fünfzehn Jahre nach Wolfenstein ohne erhobenen Zeigefinger die Granaten um die Ohren schmeißen, die Bajonette im Grabenkampf aufpflanzen und vom Hauptquartier den nächsten Bombenangriff ordern dürfen! Mulmig wird mir nur, wenn ich Silent Hill spiele oder mein Magen in der Virtual Reality rebelliert.

Es ist übrigens grotesk, jetzt aus Kritikersicht irgendeine historische Gewichtung von Schrecklichkeit zwischen diesen beiden Weltkriegen vorzunehmen. Oder gerade für dieses Szenario irgendeine Sonderbehandlung einzufordern. Man kann auch alle Bürgerkriege und Regionalkriege in diesen über Jahrhunderte gefüllten, ewig brodelnden Totentopf der Geschichte schmeißen - sie sind in der Realität alle gleich, diese scheiß Kriege: An der Front sterben Generationen junger Menschen für die Ideen weniger alter Säcke. Punkt. Aus.

Was hat das mit der Spielewelt zu tun? Nichts! Aber wenn man schon einen Kontext sucht, kann man ja ausnahmsweise kulturoptimistisch rangehen: Wir können doch froh sein, wenn sich die über eine Millionen YouTube-Liker von Battlefield 1 ab 21. Oktober ohne wirklich ernst gemeintes "Hurra, für Kaiser und Vaterland!" digital in Teams bekämpfen. So lange die Spieleserver von Amerika bis Australien voll sind und nicht irgendwelche fanatische Kaderschmieden, ist die Gesellschaft vielleicht ein zivilisatorisches Stück weiter als zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Also: Feuer frei und Spaß dabei - auch im Ersten Weltkrieg made in Sweden.


Jörg Luibl

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