Der 4Players Kommentar: Konami demontiert sich

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hundertprozent subjektiv

KW 10
Donnerstag, 08.03.2018

Konami demontiert sich


Die Japaner haben die Spielewelt so stark beeinflusst wie keine andere Nation. Es geht nicht um ein, zwei starke Marken oder zufällige Millionenseller, sondern um das Phänomen der nachhaltigen kreativen Schöpfung digitaler Welten. Nicht über ein paar Jahre, sondern von den Anfängen dieses wunderbaren Hobbys bis heute, von The Legend of Zelda über Shadow of the Colossus bis Dark Souls - es würde den Rahmen dieses Kommentars sprengen, die Tore zu öffnen und sie alle zu begrüßen.

Warum das so ist? Das hat sehr viele Gründe, die tief in der japanischen Tradition sowie einer Gesellschaft verankert sind, in der ein naturbezogener Shintoismus auf eine außergewöhnliche Technikbegeisterung trifft - das habe ich in dieser Kolumne versucht zu erläutern. Es sind vor allem Spiele, aber auch Konsolen aus Nippon, die nicht nur die Masse begeistern, sondern die immer wieder besondere Zeichen setzen konnten. Dazu gehören manchmal auch besonders dämliche wie Metal Gear Survive.

Insbesondere wenn man seine Wurzeln vergisst und sich zu tief vor dem westlichen Geschmack oder potenziellen Gewinnen verbeugt, kann es so richtig schief gehen. Capcom hatte sich spätestens 2012 mit Resident Evil 6 auf durchlöchertes Shooter-Terrain begeben und sein Image beschädigt, bevor man mit dem siebten Teil erneut was versuchte? Richtig: Back to the roots. Auf die treuen Fans hören. An die ruhmreichen Anfänge anknüpfen. Das hat mit einigen Abstrichen funktioniert. Und mittlerweile tanzt man mit Monster Hunter World wieder voll in der Arena der großen Entwickler.

Und genau das wünsche ich auch Konami für die Zukunft, denn mit der aktuellen Politik sowie Spielen à la Metal Gear Survive mag man vielleicht finanziell gut fahren, aber spielkulturell demontiert man sich selbst. Gerade nach dem unwürdigen Abgang von Hideo Kojima wirkt dieser 1969 gegründete Traditionsentwickler, der nicht nur mit Metal Gear und Silent Hill zwei Genre nachhaltig prägen konnte, wie ein taumelnder Ex-Champion. Und zwar einer ohne jegliches Charisma.

Dass man kürzlich einen Glücksspielautomaten zu Castlevania: Lords of Shadow oder einen Kinofilm sowie eine TV-Serie zu Contra ankündigte und nicht ein einziges großes Abenteuer, offenbart die aktuelle Strategie, die sich von riskanten Abenteuern der Marke XXL verabschiedet. Aus rein wirtschaftlichen Gründen lässt man also diesen seltsamen Mix aus Schleichen und Überleben in einem der beliebtesten Universen stattfinden. Zumal man auf die Basis sowie Assets aus Phantom Pain zurückgreifen kann, was die Produktion nochmal günstiger macht. Natürlich steigert man mit dem berühmten Metal Gear im Titel die Verkaufszahlen, was auch vollkommen legitim ist, aber...

...dann macht auch ein gutes Spiel und keine Glücksspiel-Maschine daraus! Michael hat in seinem Test die groteske Hintergrundgeschichte auseinander genommen, das ebenso brüchige wie auf lange Sicht frustrierende Erlebnis analysiert. Dass das Abenteuer voller bescheuerter Logikfehler ist und nicht mal ansatzweise an die Qualität von "kleinen" Survival-Spielen mit weniger Budget wie The Long Dark oder selbst Don't Starve herankommt, ist ja das eine. Vielleicht hätte auch ein Blick in die eigenen Archive geholfen, denn da gab es mal eine Survival-Reihe von Konami namens Lost in Blue für DS.

Mein größtes Problem mit diesem Spiel ist, dass man ständig das Gefühl hat, als wäre wirklich alles der permanenten Berieselung und den Gewinnen durch Mikrotransaktionen untergeordnet - die Regie lässt immer wieder Krümel vom Himmel herab fallen, die der blöde Spieler aufpicken soll. Ich sitze vor einem Automaten mit göttlicher Arroganz, ich bin nicht in einer Welt mit kohärenten Abläufen unterwegs. Es regnet sogar im wahrsten Sinne des Wortes Kisten aus Dimensionstoren! Und für zusätzliche Gegenstände, Charaktere oder Erkundungsteams soll man sich nicht nur bücken, ohne Fragen zu stellen, sondern auch zum Portemonnaie greifen - geht's noch dreister? Mehr dazu mit weiteren Beispielen in unserem Video-Epilog.

Aber vielleicht ist das auch eine Fortführung von Tradition. Pachinko ist ja in Japan ein sehr populärer Geldspielautomat. Und die Ähnlichkeiten zu dieser digitalen Parallelwelt von Konami sind einfach verblüffend: Man kauft Kugeln, schießt damit um sich und muss Glück haben, dass sie in bestimmte Löcher fallen, die wiederum mehr Kugeln, andere Routen oder Gewinne auslösen. Im Hintergrund werkelt ein nicht greifbarer Computer mit ebenso willkürlicher wie unlogischer Regie, der manchmal sogar dämliche Geschichten rund um beliebte Maskottchen erzählt. Man sollte bei den langen Sitzungen genug essen und trinken, um nicht im hypnotisierten Kollektiv alle Lebensenergie zu verlieren.

Weil Geldgewinne in Japan verboten sind, schleppen die Pachinko-Sieger ihre Sachpreise manchmal in Buden, wo sie hinter Sichtschutz in Yen umgewandelt werden - so mancher Süchtige bringt sogar eigene Zäune oder Sandsäcke mit. Okay, der letzte Nebensatz war gelogen, aber so dreist is ja auch das Storytelling von Konami. Falls euch Tokio zu weit ist, könnt ihr also auch Metal Gear Survive kaufen. Nur ist das wie Pachinko mit Permafrust: Hier gewinnt nämlich gar keiner. Und der größte Verlierer dieses unverschämten Gewinnmaximierungsdesigns ist nicht nur eine der populärsten Marken aller Zeiten, sondern auch der Ruf eines ehemals wichtigen japanischen Entwicklers.

Übrigens, Konami: Dieser Guillermo del Toro hat gerade einen Oscar für Shape of Water gewonnen. War das nicht der Mexikaner, der zusammen mit Kojima san das viel versprechende Silent Hills für euch entwickeln wollte, aber nicht mehr durfte? Dabei sind es gerade diese visionären Projekte, die ganz unabhängig von der finalen Qualität, so wichtig für diese Branche sind.

Viel Glück mit Death Stranding, Hideo Kojima!


Jörg Luibl
Chefredakteur

Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

Crossbones schrieb am
Ich habe METAL GEAR SURVIVE noch nicht gespielt, werde das aber baldigst nachholen, den Wertungen zu folge ist es absolut KEIN schlechtes Game, ich werde den Verdacht nicht los dass, nachdem was die mit Hideo abgezogen haben, das Spiel nun den Groll der Fans zu spüren bekommt, einzig und alleine um Hideo zu "huldigen" und das Spiel aus "Protest" herab zu werten oder es erst gar nicht zu kaufen, am Ende werden METAL-GEAR-FANS aber wohl doch nicht darum rumkommen es mal zu zocken, auch wenn es eigentlich kein METAL GEAR im herkömmlichen Sinne ist.
...und weil ich weiter unten gerade das folgende Zitat lese:
"Guillermo del Toro hat gerade einen Oscar für Shape of Water gewonnen. War das nicht der Mexikaner, der zusammen mit Kojima san das viel versprechende Silent Hills für euch entwickeln wollte, aber nicht mehr durfte?"
Guillermo del Toro und Kojima.....da fällt mir DEATH STRANDING ein, das mir nach einem echten Knüller und vor allem mal etwas völlig neuem aussieht, am Ende können wir uns vielleicht noch bei Konami bedanken, Kojima hätte DEATH STRANDING wohl nie entwickelt wenn er bei Konami geblieben wäre.
SchizoPhlegmaticMarmot schrieb am
Konami ist ein Drecksladen geworden um es milde auszudrücken....Sorry, aber wie kann man nur so kaltherzig und unorthodox mit Spielemarken, die eine große Fanbase haben und als Kult gelten (Zu Recht) umgehen , wie ZB. Silent Hill oder MGS=? Wie kann man ein Silent Hill sterben lassen wie eine wasserdurstige Pflanze?
Generell finde ich das in größeren Konzernen PR-Manager und Konsorten das sagen haben, die eigentlich gar nichts mit Videospielen am Hut haben und nur Dollar-Zeichen sich wünschen?? Wie konnte es passieren das Silent Hills PT eingestampft wurde? Kojima gefeuert wurde? Traurig wie stümperhaft und dilettantisch Konami agiert! Können sich sofort mit EA in ein Boot setzen un gen Sonnenuntergang segeln....
Sharkie schrieb am
Gesichtselfmeter hat geschrieben: ?
10.03.2018 14:23
Kein Großunternehmen auf diesem Planeten macht Business um mir, Dir, uns einen "kulturellen Mehrwert" zu schaffen.
Der Satz wäre doch eigentlich mal ein gutes Tattoo. Könnte aber auch aus einem Tocotronic-Song sein. :o
4P|T@xtchef schrieb am
Jep, das ist definitiv nichts typisch Japanisches. Das Geld ist und bleibt der größte Gleichmacher - im positiven wie im negativen.
Sharkie schrieb am
4P|T@xtchef hat geschrieben: ?
10.03.2018 12:00
Man darf Japan natürlich nicht alleine betrachten. Und dass der westliche Weg nicht falsch sein muss, zeigt ja Nintendo mit dem aktuellen Zelda: Das ist klasse, weil es sich en detail markant abheben kann, aber es ist natürlich von vielen etablierten Open-World-Mechaniken sowie The Witcher inspiriert. Unterm Strich gab es schon immer einen Kreislauf der gegenseitigen Befruchtung zwischen West und Ost, wobei vor allem die britischen Indie-Studios der 80er und später die amerikanischen Studios der 90er zu nennen sind: Als From Software sein King's Quest konzipierte, war Ultima Underworld das Vorbild - vielleicht verdanken wir also Paul Neurath von Looking Glass die Soulsreihe. Moment, falsch: Fumito Ueda hat sie quasi erst ermöglicht, denn Hidetaka Miyazaki betonte mal in einem Interview, dass er wegen seiner Spiele überhaupt erst Designer wurde.;)
Mögen diese beiden japanischen Großmeister des Spieldesigns noch lange entwickeln und andere Kreativköpfe in aller Welt inspirieren.
Schöne Worte. Speziell die Sache mit dem Spieldesign-bezogenen interkulturellen Austausch unterschreibe ich vollends: Einerseits gibt es sicherlich eine spezifische japanische "Seele" im Spieldesign, die wir alle spüren und lieben, andererseits ist gegenseitige Inspiration und Befruchtung grundsätzlich wünschenswert, trägt sie doch zur Vielfalt der Spielelandschaft bei. Warren Spector hat vor einiger Zeit mal einen Artikel veröffentlicht, in dem er den Einfluss des JRPGs Suikoden auf sein Werk in höchsten Tönen pries, gleichzeitig (so habe ich...
schrieb am