20 Jahre Wing Commander

 

Wing Commander (Ende 1990)

1990 waren Computer mit 1 MB RAM, 20 MB-Festplatten, 286er Prozessoren und CGA-Grafikkarten (die vier Farben darstellen konnten, eine scheußlicher als die andere) noch ganz normal. Und dann wagt es dieser Jungspund Chris Roberts einfach so, ein Spiel auf den Markt zu bringen, das am besten auf einem 386 läuft, eine VGA-Karte voraussetzt und nach einer Soundkarte schreit! Sauerei! Oder doch nicht? Hm, mal ausprobieren... und zack, war das Wochenende dahin! Es gibt wohl niemanden, den Wing Commander nicht spontan aus den Latschen gehauen hätte: Allein die brillante Grafik ermöglichte ein nie zuvor gesehenes Weltraum-Laser-Aliens-Krachbumm-Erlebnis, das für viele Grund genug war, sich allein für dieses Spiel einen besseren Rechner zuzulegen - eine Tradition, die irgendwann zum Markenzeichen von Origin Systems wurde, der Mutterfirma von Chris Roberts.

Aber es war nicht nur die filmische Präsentation, welche die Spieler an die Joysticks bannte. Auch die innovative Baumstruktur der Missionen war etwas ganz Neues im Actionbereich: Je nachdem, wie man sich in Schlüsselmissionen schlug, verlief die Story anders. War man ein Meisterschütze, wurden die Aufträge zunehmend aggressiver; versemmelte man dagegen Einsatz um Einsatz, wurde das Mutterschiff, die TCS Tiger’s Claw, zunehmend in eine verteidigende Position gedrängt. Der Held des Spiels trug den inoffiziellen Namen »Bluehair«, einfach aufgrund der ungewöhnlichen Färbung seiner Haare (inoffiziell deshalb, weil der Spieler ihn frei benennen durfte). Aus diesem Arbeitstitel wurde später der Name »Blair« einfach zusammengekürzt. Wing Commander 1 war außerdem eines der ersten Spiele, das auf Erweiterung per Missionsdisk baute: »The Secret Missions« sowie »The Secret Missions 2: Crusade« lieferten die Basis für den heute so allgegenwärtigen Download Content.

Wing Commander 2: Vengeance of the Kilrathi (Sommer 1991)

Den Start von Wing Commander 2 verbinden viele Spieler vor allem mit dem Hochdrehen ihrer Lautsprecher: Sprachausgabe! Zwar gab es schon vorher Spiele, in demem das eine oder andere digitalisierte Wort fiel, aber niemals in solcher Menge wie im WC2-Intro - und vor allem nicht in solcher Qualität. Gut betuchte Spieler konnte sogar nochmal 60 Extra-D-Mark latzen und sich das »Speech Accessory Pack« kaufen, das zusätzliche Funksprüche ins Spiel hievte. Für WC2 gab Chris Roberts die verzweigende Missionsstruktur des Vorgängers zugunsten einer dichteren Story auf: Blair wird Zeuge der Zerstörung der Tiger’s Claw durch brandneue Kilrathi-Tarnkappenbomber. Aber da das sonst keiner gesehen hat und ihm natürlich keiner glaubt, wird er von Admiral Tolwyn als Verräter gebrandmarkt, degradiert und an den Arsch des Universums versetzt - von wo aus er nicht nur seine Unschuld beweisen, sondern auch den Rest der Konföderation vor der neuen Gefahr warnen muss. Auch WC2 erhielt zwei Add-Ons, die »Special Operations 1&2«.

 

Wing Commander 3: Heart of the Tiger (Dezember 1994)

Nach Wing Commander 2 hatte Chris Roberts erstmal die Nase voll vom Weltall - das Resultat dieser »Mal was anderes machen«-Phase war das grandiose Strike Commander, unser Oldie des Monats im Mai. Außerdem war seiner Ansicht nach die Technik noch nicht so weit, wie er sich das für einen echten Wing Commander-Nachfolger vorstellte. 1994 war die Zeit reif - und Wing Commander 3 schlug ein wie eine Temblor-Bombe! Echte Polygongrafik, wahlweise in SVGA, die heißesten Raumgefechte diesseits von Proxima Centauri und vor allem echte Schauspieler, welche die fesselnde Story transportierten - darunter so berühmte Namen wie Mark Hamill, Malcolm McDowell und John Rhys-Davies. Die Geschichte, die sich darum drehte, dass der Krieg verdammt schlecht für die Konföderation läuft, so dass nur noch ein Verzweiflungsschlag gegen den Kilrathi-Heimatplaneten den Sieg bringen kann, ließ dem Spieler immer wieder Wahlmöglichkeiten, mit denen man u.a. entscheiden konnten, welche Crew-Mitglieder starben und mit welcher Frau Blair den Abspann teilte. Übrigens war die deutsche Fassung des Spiels geschnitten: In der Szene, in der Blairs Freundin Angel vom Kilrathi-Prinz Thrakath getötet wird, sah man hierzulande nicht, wie die von seinen Klauen aufgeschlitzt wurde.

Wing Commander 4: The Price of Freedom (Februar 1996)

Mit dem Sieg über die Kilrathi mag der Krieg vorbei sein - aber das bedeutet noch lange keinen Frieden. Denn auf einmal sieht sich die Konföderation in einem Konflikt mit den früheren Partnern der Randwelten - sogar der in den vorgezogenen Ruhestand abgewanderte Christopher Blair muss in den aktiven Dienst zurück geholt werden! Der findet schnell heraus, dass hinter all den Tumulten eine Geheimorganisation von Kriegstreibern steckt, die ihre Wurzeln in den höchsten Rängen der Konfed hat. Wing Commander 4 legte mehr Wert auf Story als je zuvor - wieder wurden echte Schauspieler genutzt, die dieses Mal auch vor echten Kulissen und nicht nur vor dem Greenscreen agierten (der Bluescreen kam aufgrund der blauen Uniformen nicht in Frage). Auch hier hatte der Spieler in den meisten Dialogen die Wahl zwischen mehreren Antwortmöglichkeiten, was u.a. dafür sorgte, dass man sich gleich zu Beginn einen späteren Flügelmann sichert oder zu einem unbestimmten Zeitpunkt die Seiten wechselt. Legendär ist das große Finale, das nicht im Weltall, sondern in einem Gerichtssaal spielt. Abhängig von den Sätzen, die der Spieler Chris Blair in den Mund legt, gibt es verschiedene Enden, u.a. ein gutes und ein böses.

Wing Commander 5: Prophecy (Dezember 1997)

Prophecy war in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: Zum einen war es das erste Wing Commander ohne Chris Roberts - der hatte sich zwischenzeitlich von Origin getrennt und seine eigene Spielefirma Digital Anvil gegründet. Zum anderen war es eines der ersten Spiele, die die gerade aufkommenden 3D-Beschleuniger nicht nur unterstützten, sondern sogar voraussetzten: Besitzer von 3Dfx-Karten bekamen bilinear gefilterte SVGA-Grafik, Lensflares und mächtige Frameraten! Des Weiteren kam das Spiel praktisch ohne Kilrathi aus, der neue Gegner war die insektoide Alienrasse der Nephilim, die mit ihren großen, organischen Raumschiffen für Schnappatmung bei den Spielern sorgten. Und nicht zuletzt war Prophecy auch einer der Vorreiter in Sachen episodischer Inhalte: Die Erweiterung »Special Ops« wurde kostenlos zum Download angeboten (in Zeiten, in denen selbst ISDN noch kaum verbreitet war!) und regelmäßig um frische Missionen angereichert. Von der alten Truppe blieben nur noch Blair und Maniac als Berater übrig, die Geschichte drehte sich um den Jungspund Lance Casey - den Sohn von Wing Commander-Legende Iceman. Das Spiel wurde später auch auf den Gameboy Advance portiert, was eine technische Meisterleistung war, denn der kleine Kasten war als 2D-Kiste verschrien - texturierte Polygongrafik war ein mittelschweres Wunder!

 

Die Ableger

Nach Prophecy war mit der Wing Commander-Serie an sich Schluss. Zwar gab es im Jahr 2007 den XBLA-Shooter »Wing Commander Arena«, aber der hatte mit der Serie außer dem Logo eigentlich gar nichts zu tun und gilt als unterirdisch spielbarer Schandfleck auf der Serienweste. Generell taten sich die Entwickler schwer mit den großen Namen, wenn es nicht gerade um Hauptspiele ging: »Wing Commander: Academy« (1993) war ein reiner Dogfight-Ableger (der später in einer Zeichentrickserie verwurstet wurde), »Wing Commander: Armada« (1994) war eine merkwürdige Mischung aus Strategie und Weltraumballerei, die aber zwei Besonderheiten aufwies: Zum einen war sie komplett im Netzwerk spielbar, sowohl kooperativ als auch gegeneinander. Zum anderen nahm das Spiel die 3D-Polygongrafik aus Wing Commander 3 vorweg, wenngleich ohne SVGA-Unterstützung. Der beste Ableger ist und bleibt »Super Wing Commander«, das 1994 für die Unglückskonsole 3DO veröffentlicht wurde: Eine Umsetzung des ersten Teils, mit frischen Zusatzmissionen, durchgehender Sprachausgabe und der bis dato schönsten Wing Commander-Grafik.

Die Bücher

Abgesehen von den Spielen war Wing Commander auch in anderen Medien präsent - Chris Roberts hat gut von George Lucas gelernt. Neben der erwähnten Academy-Serie gab es auch Actionfiguren, ein Sammelkartenspiel sowie neun Bücher. Einige davon halten sich an die Erzählungen der Spiele, andere beschreiben die Geschehnisse zwischen ihnen, eines geht sogar so weit in die Vergangenheit, dass die Akademiejahre des späteren Admirals Geoffrey Tolwyn der Kern der Handlung sind. Allen Büchern ist gemein, dass sie erstaunlich gut lesbar sind - zwar keine Kandidaten für das Weltliteraturerbe, aber dennoch (gerade für Fans) sehr unterhaltsame Action-Lektüre. Gerade wenn man bedenkt, welcher Schund einen normalerweise im Bereich der Spiele-Literatur erwartet.

Der Film (1999)

Apropos Schund: Der 1999 veröffentlichte, von Chris Roberts höchstpersönlich gedrehte, 30 Millionen Dollar teure Film gehört bis heute zu den schlechtesten Videospiel-Verfilmungen überhaupt. Die Besetzung um Freddie Prinze, Jr., Saffron Burrows, Matthew Lillard, Tchéky Karyo und Jürgen Prochnow ist dabei gar nicht das Hauptproblem, sondern vielmehr die grenzenlos bescheuerte Story (mit grünen Knubbel-Kilrathi) und die erstaunlich schlechten Effekte. Okay, der Film verfügt über eine interessante Szene, in der ein Weltraumgefecht aus der Sicht des Piloten gezeigt wird (wie im Spiel halt), aber mehr hat das Kassengift wirklich nicht zu bieten. Immerhin gab es zum Film eine Buch-Trilogie, von der der letzte Teil aber bislang nicht veröffentlicht wurde.

 

Das ErbeDas Genre der Space Opera ist im Großen und Ganzen tot, das war ja schon mal das Thema einer Bilderserie. Nichtsdestotrotz löste Wing Commander gerade in den 90er Jahren eine gigantische Welle an Nachahmern und inoffiziellen Nachfolgern aus, die teilweise selber in die Spielegeschichte eingingen - Namen wie Privateer, Starlancer, Freelancer oder Darkstar One sollten jedem Laserfan etwas sagen. Von TIE Fighter, Freespace, Independence War, der X-Reihe oder Tachyon: The Fringe ganz zu schweigen. Werden wir uns jemals wieder so richtig in die Weiten des Weltalls schwingen und die Massebeschleuniger sprechen lassen? Man kann es nur hoffen. Erheben wir die vakuumsicheren Gläser auf Wing Commander - möge es ewig leben!

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4P-Bilderserie
Sonstiges
Entwickler: 4Players
Publisher: 4Players
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