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devcom 2018 - Teut Weidemann seziert das Reizthema Lootboxen: "Benutzt keine Kisten!"

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devcom 2018 (Messen) von - Bildquelle: Aruba Events, BIU, Koelnmesse
Das Reizthema des Jahres spielte auch auf der Devcom eine Rolle, und zwar unter dem Titel "Loot Boxes - TTF". Industrieveteran und Berater Teut Weidemann erinnerte in seinem Vortrag daran, dass sich im Jahr 2018 sogar die New York Times dem Thema des in die Kritik geratenen Monetarisierungsmodells annahm. Dabei handle es sich keinesfalls um etwas Neues: Schon im Jahr 1886 sei das Schema beim Verkauf von Baseball-Sammelkarten erstmals zum Einsatz gekommen.

Später hätte Magic The Gathering das Prinzip genial umgesetzt – bei dem seltene Karten schon mal einen Wert von bis zu 27.000 Dollar entwickeln könnten. Nach einem geschichtlichen Exkurs in die System-Details unterschiedlicher Free-to-play-Spiele wie dem prägenden Puzzle & Dragons im Jahr 2012 wurden auch ein paar Empfehlungen für Entwickler darüber präsentiert, wie sich fortschrittsrelevante „Power“-Belohnungen und kosmetische Exemplare sinnvoll einbauen ließen.


Ein Leitspruch lautete dabei: Wenn man Lootboxes einsetzt, dann sollte man sie ins Zentrum des Spiels stellen und alles andere darum bauen (wobei Weidemann sich primär auf Free-to-play-Titel bezog). Das aufgesetzte Hinzufügen von Lootboxes als Add-on funktioniere dagegen nicht. Wer den Spieler glücklich machen wolle, sollte sicherstellen, dass dieser „Power“-Gegenstände erhalte und nicht nur bei den Kunden deutlich unbeliebteren Kosmetik-“Schrott“.

Mit dem Einsatz unterschiedlicher Elemente, die sich z.B. im Stein-Schere-Papier-System ausstechen, könne man Inhalte auf einfache Weise verdreifachen, ohne dass der gestresste Grafiker Überstunden für das Design zu vieler Monster, Waffen & Co. schieben muss. Die Beliebtheit von Lootboxes bei Entwicklern rühre primär daher, dass ihre Implementierung anfänglich einfach umzusetzen sei. Sie auf Dauer vernünftig zu pflegen, sei hingegen umso schwieriger, z.B. wenn Entwickler nicht für eine ausreichende Item-Vielfalt sorgten. Hinzu käme das Problem der „Diminishing Returns“, aufgrunddessen z.B. bei Hearthstone Erweiterungen nötig geworden seien (nebenbei bemerkt hätten in diesem Spiel zudem die Trading-Optionen für Spieler das Monetarisierungssystem zerstört).

Die wichtigste Erkenntnis und Empfehlung an Entwickler lautete allerdings: „Benutzt keine Kisten!“ Es gebe schließlich eine sinnvollere Alternative zur Lootbox: Den klassischen Loot-Table, wie er schon in World of Warcraft perfektioniert worden sei. Er gebe dem Spieler die Möglichkeit, gezielter Einfluss auf seinen Fortschritt zu nehmen. Trotz eines gewissen Zufallsfaktors seien spezifische Belohnungen dort an Gebiete, Bosse oder Tier-Systems gebunden. So könne man sich mit einem genaueren Ziel vor Augen auf die Jagd begeben - und nebenbei solange den Partner in den Urlaub schicken, um genügend Zeit zu haben.


Bei kompetitiven Multiplayertiteln wie Overwatch mit der nötigen Chancengleichheit dagegen sei es allgemein extrem knifflig, eines der oben erwähnten Systeme unterzubringen – vor allem, da die Nutzer in vielen Fällen schon ein üppiges Anfangs-Investment getätigt haben. Im Bereich der Vollpreisspiele hatte Weidemann also kein Patentrezept. In Star Wars Battlefront 2 habe Electronic Arts aber natürlich einige schlechte Entscheidungen getroffen, etwa die frustrierend lange Zeit zum Freischalten von Figuren wie Darth Vader. Ein Nachteil des PR-Desasters für EA sei, dass sie aufgrund der wachsamen Öffentlichkeit nie wieder Lootboxes einsetzen könnten. Das gelte aber zum Glück nicht für andere Entwickler, wenn sie die Monetarisierung geschickt konzipieren, so das Fazit.



Kommentare

NomDeGuerre schrieb am
Wirklich sehenswert. Die Harpune unterstreicht die Argumente zusätzlich.
ZackeZells schrieb am
sphinx2k hat geschrieben: ?
23.08.2018 13:27
Das kannst du ja gerne Meinen, und ohne Nahrung lebt es sich nicht, aber mehr als nötig sorgt nicht zwingend für Wachstum.
Der mittlerweile verstorbene "Hans Rosling" hat sich vermutlich als Mediziner und Statistiker mehr mit dem Thema beschäftigt als wir beide zusammen.
Hier gar nicht mal so lang wo er einen Vortrag zur Weltbevölkerung hält: https://www.youtube.com/watch?v=2LyzBoHo5EI
Nachdem ich das Video geschaut habe, fällt es mir schwer meine vorherigen Posts/Meinung zu verteidigen.
Wenn sich die Geburtenrate bei steigendem Wohlstand bei unter 2 einpendelt, haben die Menschen dennoch das Problem der nicht unendlichen Resourcen auf unserem Planeten zu lösen.
Tolles Video - danke für den Link.
sphinx2k schrieb am
ZackeZells hat geschrieben: ?
23.08.2018 09:58
sphinx2k hat geschrieben: ?
22.08.2018 18:02

Vermutlich gibt es noch viele andere Faktoren, aber nur Nahrung alleine ist keiner.
Lohn und Brot sind die zwei wichtigsten Faktoren für Bevölkerungswachstum.
Natürlich kann man verbesserte hygienische Bedingungen und medizinische Versorgung erwähnen, beide sind jedoch untergeordnet.
Das kannst du ja gerne Meinen, und ohne Nahrung lebt es sich nicht, aber mehr als nötig sorgt nicht zwingend für Wachstum.
Der mittlerweile verstorbene "Hans Rosling" hat sich vermutlich als Mediziner und Statistiker mehr mit dem Thema beschäftigt als wir beide zusammen.
Hier gar nicht mal so lang wo er einen Vortrag zur Weltbevölkerung hält: https://www.youtube.com/watch?v=2LyzBoHo5EI
Doc Angelo schrieb am
PickleRick hat geschrieben: ?
23.08.2018 09:16
Ein Sklavenhalter "beutet aus", ein Menschenhändler "beutet aus" oder ein Bordellbesitzer, der Pässe einbehält und über Schleuser mit falschen Versprechungen zur Prostitution zwingt "beutet aus".
PickleRick hat geschrieben: ?
23.08.2018 13:02
Nahrungsmittelkonzerne beuten die Natur und die Hersteller aus, um dann den Kunden auszubeuten, dem Schrott als "wertvoll & natürlich" verkauft wird. Modelabels beuten die Hersteller und die Menschen, die für sie arbeiten aus, und die Kunden, denen ein Bedürfnis aufgeschwatzt wird ("Kauf den heißen neuen Scheiß, dann bist Du der heiße Scheiß"), das eigentlich gar nicht da ist, bis man es erzählt bekommt. Schönheitsmagazine waren ursprünglich Werbekataloge mit Beautytipps. Heute wird das umgekehrt und das, was frau(sic!) unbedingt haben muss, um hip zu sein, wird eine Seite später beworben.
Das klingt schon ganz anders. Also ist es auch Ausbeutung, wenn kein wortwörtlicher absoluter Zwang vorliegt. Das, was Du hier aufführst, ist schon sehr nah dran an dem, was die Spielehersteller da gerade entwickeln. Und es wird sich in der Zukunft noch weiter darauf zu bewegen. Psychologische Manipulation halt. Spiele-Entwickler haben mittlerweile eine Abteilung mit wortwörtlichen studierten Psychologen um die Monetarisierung zu gestalten. Diese Abteilung ist nicht dafür da, den Spielspaß zu maximieren, sondern...
PickleRick schrieb am
Doc Angelo hat geschrieben: ?
23.08.2018 12:50
Mich würde interessieren, was Du von meiner Definition von Moral hältst. Ist es für dich OK etwas mit anderen zu tun, was man nicht möchte, das andere es mit einem tun?
Nein, da halte ich mich ganz an den kategorischen Imperativ!
Nahrungsmittelkonzerne beuten die Natur und die Hersteller aus, um dann den Kunden auszubeuten, dem Schrott als "wertvoll & natürlich" verkauft wird. Modelabels beuten die Hersteller und die Menschen, die für sie arbeiten aus, und die Kunden, denen ein Bedürfnis aufgeschwatzt wird ("Kauf den heißen neuen Scheiß, dann bist Du der heiße Scheiß"), das eigentlich gar nicht da ist, bis man es erzählt bekommt. Schönheitsmagazine waren ursprünglich Werbekataloge mit Beautytipps. Heute wird das umgekehrt und das, was frau(sic!) unbedingt haben muss, um hip zu sein, wird eine Seite später beworben.
Diese Liste lässt sich ewig fortführen.
Wir weiten das Thema hier fortwährend aus und gesellschaftlich betrachtet ist nach der Definition von Dir und Kajetan der Kapitalismus an sich ausbeuterisch angelegt.
Dem stimme ich nicht komplett zu, aber darüber müssen wir jetzt keine Grundsatzdiskussion beginnen.
schrieb am