Doch hier zieht sich die Ideenlosigkeit leider durch das gesamte Abenteuer: Ich betrete einen Raum, lege einen Hebel um, sehe einen Toten und verhindere seinen einstigen Tod. Vielleicht mache ich auch einen kurzen Sprung in seine Zeit, woraufhin mich in meiner Realität ein Untoter attackiert. Dass auch mal zwei Gegner auf mich losgehen, ist eine Seltenheit. Da passiert es schon häufiger, dass mich ihre Axt durch einen Zaun hindurch erwischt oder dass ein Teil ihres Polygon-Körpers direkt durch die Tür "lugt". Nein, als Ego-Shooter, der Cryostasis trotz seiner Anleihen beim Survival-Horror ebenfalls sein will, wirkt das Spiel zäh, monoton und belanglos.
Das Los des Tauchers
Doch was ist mit dem Horror, der nicht nur in vielen Rückblenden aufgebaut wird, sondern auch durch spielerische Überraschungen für Spannung sorgt? Für mich waren es nämlich die bedacht verteilten, aber immerhin kurz vor jedem Motivationstief gesetzten Szenen, mit denen sich das Geheimnis um die Nordwind hervortut. In einer Rückblende stecke ich z.B. plötzlich in der Haut eines Tauchers, der noch in seinem Anzug von irgendetwas durch das Schiff geschleift wird. Selten habe ich Wehrlosigkeit in einem Spiel so intensiv erlebt wie in jenem Augenblick, als der "Zombie" mit einer Axt auf mich einschlug. Das Glas meiner Glocke splittert, Blut spritzt auf den Anzug - und noch einmal geht die Axt auf mich nieder, und noch einmal...
Und auch die Szenen, während derer ich in der Vergangenheit als fremder Matrose überleben muss, tun dem sonst gemächlichen Spieltempo natürlich gut! Wichtiger wäre allerdings gewesen, den öden Ego-Shooter auch mit spielerischer Abwechslung zu füllen. Rätsel gehören meist zur Kategorie "Lege erst diesen Schalter um, dann wird dort der Weg frei". Abgesehen davon gibt es bis aufs Geradeauslaufen nichts zu tun.
Ein kaltes Lüftchen
Schön, dass die fast komplett abwesende Musik eine dichte Atmosphäre erzeugt und dass das gelegentliche Schmelzen des Eises visuelle Zeichen setzt! Nicht so schön aber, dass die Bildrate in zu vielen Situationen massiv in die Knie geht, während die Hardware-Anforderungen ohnehin im gehobenen Bereich liegen. Ärgerlich auch, dass die Entwickler diese einmal aufgebaute Stimmung spielerisch kaum nutzen.
Ich stehe auf einem verlassenen Schiff irgendwo in der Arktis, meine Sicht wird von Eisblüten bedeckt, das gefrorene Wasser knirscht unter meinen Füßen und ich lausche dem beißenden Pfeifen des Polarwindes - das sind Momente, die in Erinnerung bleiben! Aber wieso spielen Kälte und Einsamkeit denn kaum eine Rolle? Cryostasis versucht sich zwar an einem einfallsreichen Gesundheitssystem, denn ich kann meine Kraft nur an Wärmequellen wiederherstellen. Es sieht zwar imposant, wenn das Eis beim Einschalten einer großen Hitzequelle von den Wänden rinnt. Doch warum stehe ich z.B. nicht unter dem ständigen Druck, mich schnell fortzubewegen, weil ich sonst irgendwann erfriere? Und warum muss ich sekundenlang vor Glühbirnen oder Generatoren verharren, um meine Energie aufzufrischen? Fünfmal zog mich das ungewöhnliche "Aufladen" in eine erbarmungslose Eiswelt - beim sechsten Mal wollte ich nur noch über eine herkömmliche Erste-Hilfe-Kiste rennen, denn spielerisch tut auch diese Idee leider nichts zur Sache.