Der 4Players Kommentar: Switch? Nein, danke!

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Kommentar

hundertprozent subjektiv

KW 10
Freitag, 10.03.2017

Switch? Nein, danke!


Switch ist für mich eine große Enttäuschung. Ich habe bisher jede Konsole der Japaner am ersten Tag gekauft, bin vor allem dem GameCube noch sehr verbunden. Und bei Wii sowie Wii U wollte ich zumindest irgendetwas Cooles von Tennis bis Zombi U sofort ausprobieren, weil es das nur auf diesem System gab und etwas Einizgartiges demonstrierte. Aber hier zieht mich nichts magisch an. Weder die zwischen allen Stühlen wackelnde und letztlich viel zu teure Hardware (hier im ausführlichen Test) noch die bisher veröffentlichten Spiele.

Natürlich hängt das auch mit meinem Profil als Zocker zusammen: Unterwegs spiele ich vornehmlich auf dem 3DS oder iPad, daheim auf dem PC und der PlayStation 4, wobei ich Abenteuer für Solisten mit Kampagne bevorzuge. Wenn man sich anschaut, was diese Systeme für eine Quantität und Qualität an Titeln bieten, wird man fast erschlagen: Wir befinden uns in einer Zeit der Spieleschwemme mit ungeheurer Auswahl für alle Bedürfnisse. Und in dieser bietet mir Switch einfach zu wenig. Vor allem, weil ich unterwegs nicht das große Kino brauche: In der Bahn reichen mir Rundentaktik, Puzzler oder Adventure.

Nintendo wirft  für Switch auch genau das Charakteristikum von Bord, das ich am meisten an der Wii U zu schätzen wusste: das interaktive Touchpad! Oben zocken, unten Karte sowie Management - das war einzigartig und für mich so etwas wie hybrid, weil es den Komfort eines Tablets zusätzlich zur Vollbildunterhaltung bot. Aber entweder spielt man Switch mobil oder am Bildschirm. Unterwegs kann man damit weder eBooks lesen noch Filme streamen. Und wenn man das große Kino zuhause anwirft, wird man ebenfalls Abstriche machen müssen, denn abgesehen von der fehlenden 4K-Unterstützung arbeitet da ein jetzt schon überholter mobiler Chip. Trotzdem verlangt Nintendo fast schon dreist 330 Euro plus X, legt der Konsole kein Spiel bei, zwingt mich als Vollblutzocker zum Kauf eines Pro-Controllers und will damit in einer Liga mit den technischen Taktgebern von Microsoft und Sony verdienen, obwohl man in nahezu allen Belangen weniger zu bieten hat.

Dass sich die Japaner nach dem GameCube aus dem finanziell kontraproduktiven Wettrüsten der potentesten Technik verabschiedet haben, ist überhaupt nicht das Problem. Im Gegenteil: Das sorgte beim Wechsel zu Wii noch für die Freisetzung kreativer Potenziale in der Bewegungssteuerung, die auch viele neue Spieler faszinierte. Und ein Abenteuer wie The Legend of Zelda demonstriert seit Jahrzehnten auf beeindruckende Art, dass Kreativität im Spieldesign wichtiger ist als eine Legion verbauter Teraflops oder irgendeine Ultra-Auflösung mit HDR. Der schöpferische Geist schlägt immer die technische Hülle. Gerade deshalb habe ich großen Respekt vor der spielkulturellen Leistung Nintendos und bin froh, dass sie als Entwickler auch mal Kontrapunkte setzen können. Aber als Wettbewerber im Bereich der Konsolen-Hardware verlieren sie mit ihrer Trägheit und seltsamen Entscheidungen weiter an Boden.

Denn um z.B. die Kreativität in der offenen Welt von Hyrule zu erleben brauche ich keine Switch. Die größte Schwäche dieses Lineups ist, dass es bis auf das kleine Snipperclips nichts wirklich Exklusives und gleichzeitig Herausragendes gibt. Dieses Dilemma hat sich Nintendo mit seiner schwachen Veröffentlichungsstrategie selbst eingebrockt, denn die meisten der treuen Nintendofans besitzen ja schon eine Wii U  - und meist einen DS dazu. Und für keines der von uns mit gut oder besser bewerteten Spiele brauche ich diese neue Konsole. Für The Legend of Zelda: Breath of the Wild reicht ebenso eine Wii U wie für Fast RMX, das nichts anderes ist als eine leicht gekürzte Abwandlung von Fast Racing Neo. Und wer ein Tablet oder Mobiltelefon besitzt, kann schon lange das von uns prämierte Rhythmusspiel Voez spielen. Also richtet sich Switch in erster Linie an Leute, die weder auf Wii U noch Xbox One, PS4 oder 3DS oder PC spielen? Mutig, denn man kann im blauen Ozean der potenziellen Neuspieler auch versinken.

Wir haben zudem einmal "Ungenügend" (Vroom in the Night Sky), zweimal "Mangelhaft" (1-2-Switch!, New Frontier Days) und zweimal "Ausreichend" (Super Bomberman R, I Am Setsuna) in Tests vergeben. Zwar hat ein schwaches Lineup zum Start fast schon Tradition bei jeder neuen Konsole, was meist der nötigen Entwicklungszeit für größere Projekte, aber auch der zyklischen Marketingstrategie geschuldet ist. Schließlich will man Top-Spiele quartalsweise, vor allem zum lukrativen Weihnachts- und Ostergeschäft anbieten, damit sich die Konsole stetig verkauft. Also gehören eine gewisse Geduld und Optimismus traditionell dazu, wenn man ein neues System kauft.

Aber ein Lineup ist immer auch eine Visitenkarte des Publishers. Damit könnte man Zeichen setzen, sein Image über eine gute Auswahl stärken. Auch kleine Titel wie Darkest Dungeon oder This War of Mine können ja bei uns Höchstwertungen abräumen. Aber genau diesen Trend hat Nintendo die letzten Jahre mal wieder verschlafen. Anders ist es nicht zu erklären, dass man so wenig Qualität aus der Independent-Szene in seinem eShop anbieten kann - da hilft mir auch nicht die Aussicht auf weitere 60 so genannte "Nindies", zumal auch da wieder so schrecklich viel recycelt wird.

Wenn man doch weiß, dass man erst später mit Super Mario Odyssey aus eigenem Hause nachlegen kann, dann akquiriert man doch im Vorfeld genug kleinere Titel mit ausgewiesener Klasse. Stattdessen füllt man den eShop mit Schund à la New Frontier oder Vroom auf. Ja, digitale Rohrkrepierer gibt es auch über Steam, PSN, XBL & Co. Aber mit etwas Feingefühl veröffentlicht man gerade so etwas nicht zum Start, sondern klammheimlich irgendwann im Sommerloch - und zwar mit Megarabatten!

Es geht ja nicht nur um das Fehlen großer Abenteuer: Dem Lineup fehlen bis auf Snipperclips die exklusiven Highlights, die die charakteristischen Stärken von Switch als Hybridsystem zeigen. Wo sind Arcade- und Sportspiele für den knackigen Spaß zwischendurch? Peinlich ist, dass das dafür in der Werbung platzierte Spiel, 1-2-Switch, auch noch so unfassbar schlecht ist und dass selbst ein zeitloser Klassiker wie Super Bomberman R nicht abliefern kann, weil es eine leicht verzögerte Steuerung gibt.

Peinlich ist aber auch, dass von einem der größten verbalen Unterstützer der "fantastischen" und "großartigen" Switch (siehe hier, hier und hier), nämlich Ubisoft, kein kreativer Beitrag, sondern lediglich ein halbgares Just Dance 2017 erscheint - dafür hat Yves Guillemot so laut über Monate die Werbetrommel gerührt?

Egal, was noch kommt: All das sorgt zum Start für einen bitteren Beigeschmack. Von Multiplayerbegeisterung ist man jedenfalls bis zu Mario Kart 8 oder Splatoon 2 noch weit entfernt. Switch wird für mich erst dann als ernst zu nehmende Konsole interessant, wenn der erste sehr gute und voll exklusive Titel erschienen ist. Kein Minispiel, keine Umsetzung, keine Abwandlung, keine Deluxeversion irgendeines bestehenden Titels, sondern ein neues Abenteuer von Format.

Nintendo wird mich nie als Spieler verlieren - dafür verbinde ich zu viele geniale Momente mit diesem großartigen Pionier, dafür hoffe ich immer noch zu sehr auf den nächsten Schritt, der auch für den Wettbewerb wichtig wäre.

Aber Nintendo hat mich als Unterstützer seiner Hardware schon mit Wii U enttäuscht und jetzt komplett verloren.


Jörg Luibl
Chefredakteur

PS:

Trotzdem wünsch ich allen natürlich viel Spaß mit Switch! Und es gibt ja auch - wie immer - ganz andere Meinungen in der Redaktion, wie unser Video zeigt. Ich kann auch nachvollziehen, dass man diese Konsole als tolle Ergänzung sieht, wenn man wie Ben eben anders unterwegs oder daheim zockt. Spiele für Switch werden bei 4Players sicher nicht "wegen der Hardware" schlechter bewertet, die wir übrigens einem ausführlichen Test von der Haptik über die Steuerung bis hin zur Online-Tauglichkeit unterzogen haben. Weil gezweifelt wurde: Auch auf PlayStation 4 Pro hätte Zelda ohne Ruckler und mit HDR übrigens nicht mehr als 91% bekommen, weil die Schwächen im Waffen- und Mahlzeitensystem einfach nix damit zu tun haben.;)
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
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Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

Donkey-Kong schrieb am
Für mich jetzt auch noch zuviele Ports und zuwenig neue Spiele. So zwei, drei wären schon dabei, aber klar, ich warte auf ein neues DK Spiel! Und Mario Kart 8 is kalter Kaffee, sorry kein Kaufgrund für mich.
4P|T@xtchef schrieb am
Noch isses zu früh. Vielleicht 2018.;)
Kya schrieb am
Switch? Ja, bitte! :wink:
4P|T@xtchef schrieb am
Teraflops bringen im Spieldesign so viel wie Anabolika im Kampfsport - gar nix.;)
Nein, Mario kommt an die Anziehungskraft von Metroid nicht ran. Super Mario Galaxy war schon ein Zenit, ich weiß nicht, ob man da nicht mit T-Rex & Co überdreht - aber ich hab auch noch nicht gespielt und die Qualität dürfte weit über dem anderer Jump'n Runs liegen. Mal abwarten, was das Team aus LA berichtet.;)
Kid Icarus schrieb am
Teraflops hin oder her - müsste Nintendo dich nicht eigentlich auch mit Mario Odyssey an der Angel haben, Jörg? ;)
schrieb am

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